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ESG für KMU — was der Nachhaltigkeitsbericht neben CO2 verlangt

Wenn ein Kunde oder eine Bank nach „ESG-Daten" fragt, ist selten nur die CO2-Bilanz gemeint. Dieser Artikel zeigt, welche Angaben zu Umwelt, Sozialem und Unternehmensführung der freiwillige europäische Standard für KMU vorsieht — und wo die Daten in Ihrem Betrieb bereits liegen.

Was ESG bedeutet

ESG steht für Environmental, Social, Governance — auf Deutsch Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Der Begriff stammt aus der Finanzwelt und bezeichnet die drei Themenfelder, anhand derer die Nachhaltigkeit eines Unternehmens beschrieben wird.

  • E — Umwelt: Energie und Treibhausgase, aber auch Schadstoffe, Wasser, Abfall und Biodiversität.
  • S — Soziales: die eigene Belegschaft, Arbeitssicherheit, Löhne und Weiterbildung.
  • G — Unternehmensführung: im KMU-Standard vor allem der Umgang mit Korruption und Bestechung.

ESG-Reporting: die geordnete Offenlegung von Kennzahlen zu diesen drei Themenfeldern. Die CO2-Bilanz ist ein Teil davon, nicht das Ganze.

Warum KMU damit zu tun bekommen

Die meisten Schweizer KMU sind nicht selbst zur Nachhaltigkeitsberichterstattung verpflichtet. Das Thema erreicht sie über Dritte: Grössere Kunden müssen über ihre Lieferkette berichten und geben die Fragen an ihre Zulieferer weiter. Banken und öffentliche Auftraggeber verlangen zunehmend Kennzahlen, bevor sie Konditionen festlegen oder Aufträge vergeben.

Diese Anfragen kommen oft als Fragebogen — und jeder sieht etwas anders aus. Ein standardisierter Bericht hat den Zweck, solche Anfragen mit einem einzigen Dokument zu beantworten.

Aus VSME wird VS: der Stand im Oktober 2026

Der europäische Standard für freiwillige Nachhaltigkeitsberichte kleiner Unternehmen war bisher unter dem Kürzel VSME bekannt. Die EFRAG hat ihn im Dezember 2024 vorgelegt, die EU-Kommission hat ihn am 30. Juli 2025 zur Anwendung empfohlen.

Im Jahr 2026 hat die Kommission den Standard überarbeitet und rechtlich aufgewertet: Die Delegierte Verordnung (EU) 2026/1560 wurde am 21. September 2026 im Amtsblatt der EU veröffentlicht und ist seit dem 24. September 2026 in Kraft. Der Standard heisst nun VS (Voluntary Standard). Drei Punkte sind für KMU wichtig:

  • Er bleibt freiwillig. Niemand wird durch den Standard zur Berichterstattung verpflichtet.
  • Der Aufbau bleibt erhalten: ein Basismodul mit elf Bereichen (B1 bis B11) und ein Zusatzmodul mit neun weiteren (C1 bis C9). Einzelne Datenpunkte wurden gestrichen oder vereinfacht.
  • Entlastung für Kleinstbetriebe: Für Unternehmen mit bis zu zehn Beschäftigten sind mehrere Angaben freiwillig, darunter jene zu Energie und Treibhausgasen, Wasser und Abfall.
  • Eine Obergrenze für Datenanfragen: Berichtspflichtige Unternehmen in der EU dürfen von Unternehmen ihrer Wertschöpfungskette mit bis zu 1000 Beschäftigten nur noch die Datenpunkte verlangen, die die Verordnung dafür festlegt. Diese Regel gilt für Geschäftsjahre, die am oder nach dem 1. Januar 2027 beginnen.

Für einen Schweizer Zulieferer heisst das: Die Obergrenze bindet rechtlich Unternehmen in der EU. Sie macht es aber wahrscheinlicher, dass sich die Fragebögen europäischer Kunden künftig an diesem einen Standard ausrichten.

Die elf Bereiche des Basismoduls

Das Basismodul ist der Einstieg: Die Verordnung bezeichnet es als den angestrebten Ansatz für Kleinstunternehmen und als Mindestanforderung für alle anderen. Die Tabelle ordnet jeden Bereich einem der drei Buchstaben zu und zeigt, woher die Angaben üblicherweise stammen.

BereichESGWas gefragt wirdWo die Daten meist liegen
B1–Grundlagen: gewähltes Modul, Rechtsform, Branche, Bilanzsumme, Umsatz, Zahl der Beschäftigten, StandorteHandelsregister, Jahresrechnung
B2–Ob es Verfahrensweisen, Konzepte, geplante Initiativen und Ziele zu Nachhaltigkeitsthemen gibtLeitbild, interne Weisungen
B3EGesamter Energieverbrauch in MWh sowie Treibhausgas-Emissionen aus Scope 1 und Scope 2 (standortbezogen)Energierechnungen, CO2-Bilanz
B4ESchadstoffe in Luft, Wasser und Boden, soweit der Betrieb sie ohnehin den Behörden melden muss oder in einem Umweltmanagementsystem ausweistBehördliche Meldungen, Umweltmanagement
B5EBiodiversität: Standorte in oder nahe schutzwürdigen GebietenStandortliste, kantonale Geoportale
B6EGesamte Wasserentnahme; bei wasserintensiver Produktion zusätzlich der Verbrauch und die Entnahme in Gebieten mit WasserstressWasserrechnungen
B7EOb Grundsätze der Kreislaufwirtschaft angewendet werden; Abfallmenge (gefährlich und nicht gefährlich) und Anteil, der ins Recycling gehtEntsorgungsnachweise, Lieferscheine
B8SBelegschaft: Zahl der Beschäftigten nach Vertragsart (befristet, unbefristet) und Geschlecht, bei mehreren Ländern auch nach LandLohnbuchhaltung, Personalwesen
B9SGesundheit und Sicherheit: Zahl und Quote der meldepflichtigen Arbeitsunfälle, TodesfälleUnfallmeldungen an den Versicherer
B10SOb mindestens der Mindestlohn bezahlt wird; Anteil der Beschäftigten unter einem Gesamtarbeitsvertrag; Weiterbildungsstunden pro PersonLohnbuchhaltung, GAV, Schulungsnachweise
B11GAnzahl Verurteilungen und Höhe der Bussen wegen Korruption oder Bestechung, falls es im Berichtsjahr solche gabGeschäftsleitung

Zwei Dinge fallen auf. Erstens liegt das Gewicht auf der Umwelt: Fünf der elf Bereiche gehören zum Buchstaben E, drei zu S und einer zu G. Zweitens gilt für mehrere Bereiche der Grundsatz „falls zutreffend": Ein Dienstleistungsbetrieb ohne meldepflichtige Schadstoffe hat zu B4 nichts zu berichten. Auch der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern ist nur anzugeben, wenn der Betrieb ohnehin gesetzlich darüber berichten muss. Emissionen aus der Lieferkette (Scope 3) sind im Standard freiwillig.

Was das Zusatzmodul ergänzt

Das Zusatzmodul (C1 bis C9) ist für Betriebe gedacht, deren Kunden oder Geldgeber mehr wissen wollen. Es fragt unter anderem nach Geschäftsmodell und Strategie, nach Reduktionszielen für Treibhausgase und Klimarisiken, nach zusätzlichen Angaben zur Belegschaft, nach dem Umgang mit Menschenrechten, nach Umsätzen aus bestimmten Tätigkeiten und nach der Geschlechtervielfalt im Leitungsorgan.

Für den Einstieg genügt in der Regel das Basismodul. Das Zusatzmodul lohnt sich dann, wenn eine konkrete Anfrage diese Angaben verlangt.

Was das für Ihren Betrieb bedeutet

Der aufwendigste Teil bleibt die CO2-Bilanz. Sie muss berechnet werden, und dafür braucht es Verbrauchsdaten, Emissionsfaktoren und eine saubere Abgrenzung. Wie das funktioniert, erklären die Artikel zum GHG Protocol und zu Scope 1, 2 & 3.

Die Angaben zu Sozialem und Unternehmensführung sind dagegen überwiegend Zahlen, die Sie bereits führen: Personalbestand, Unfallmeldungen, Löhne, Weiterbildung. Die Arbeit besteht hier weniger im Rechnen als im geordneten Zusammentragen.

Ehrlich gesagt: Ein ESG-Bericht macht einen Betrieb nicht nachhaltiger. Er macht sichtbar, wo er steht. Sinnvoll ist er, wenn ein konkreter Anlass besteht — eine Kundenanfrage, ein Kreditgespräch, eine Ausschreibung. Ohne solchen Anlass kann er warten.

Unsere Rolle: CO2-Kompass erstellt die CO2-Bilanz und trägt die übrigen Angaben mit Ihnen zu einem Bericht nach dem Standard zusammen. Fragen des Arbeits- oder Gesellschaftsrechts beurteilen wir nicht; dafür verweisen wir an die zuständige Fachperson.

Quellen zur Vertiefung: EFRAG, VSME-Standard (Dezember 2024) · Empfehlung (EU) 2025/1710 der Kommission · Delegierte Verordnung (EU) 2026/1560 der Kommission vom 3. Juli 2026, Anhang I, EUR-Lex. Die Tabelle fasst den Wortlaut der Verordnung zusammen. Stand der Darstellung: Oktober 2026.

Häufige Fragen

Was bedeutet ESG einfach erklärt?

ESG steht für Environmental, Social und Governance, also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Gemeint sind die drei Themenfelder, zu denen Kunden, Banken und Auftraggeber Nachhaltigkeitskennzahlen eines Unternehmens abfragen.

Ist ESG-Reporting für Schweizer KMU Pflicht?

In den meisten Fällen nicht direkt. Der europäische Standard VS (bisher VSME) ist freiwillig. Der Anlass ist bei KMU in der Regel eine Anfrage von Kunden, Banken oder Auftraggebern.

Wie viel des Berichts betrifft CO2?

Von den elf Bereichen des Basismoduls behandelt einer Energie und Treibhausgase. Er verursacht meist den grössten Aufwand, weil die CO2-Bilanz erst berechnet werden muss. Die übrigen Bereiche stützen sich überwiegend auf Daten, die im Betrieb bereits vorhanden sind.

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